Wer sich länger mit veganer Ernährung beschäftigt, stellt irgendwann fest: Die Argumente dagegen sind erstaunlich vorhersehbar. Es gibt sie in jeder Familie, an jedem Esstisch, in jeder Kommentarspalte. Immer dieselben zehn Sätze, leicht variiert, aber im Kern unverändert.

Treffend zusammengefasst hat das ausgerechnet ein Liebesroman, mein eigener: Im Manuskript zu „Manfred mi Amor" begegnet der Protagonist einer veganen Bekanntschaft und lauscht dabei einer Liste, die wohl die meisten Veganer sofort wiedererkennen:

  1. Ich esse selten Fleisch und nur von glücklichen Tieren!
  2. Ich esse meist vegetarisch, damit keine Tiere leiden!
  3. Ich könnte niemals Veganer sein! (Hauptgrund: Käse)
  4. Ich habe es 3 Tage probiert, aber [Ausrede einfügen]!
  5. Vegan ist ungesund, wegen Mangel an [Protein, Eisen...]!
  6. Der Mensch ist halt Fleischfresser! (Beweis: Eckzähne)
  7. Wären Veganer nicht so nervig, würde ich längst...!
  8. Soja ist auch nicht besser, weil [China, Regenwald]!
  9. Avocados sind viel schlimmer, weil [Wasser, Transport]!
  10. Dass man Tofu überhaupt Wurst nennen darf... [Skandal]!

(Gero Wenderholm: Manfred mi Amor, Manuskriptfassung; erscheint im Oktober 2026 im PMLakeman-Verlag)

Warum fallen immer dieselben Sätze?

Das Interessante an dieser Liste ist nicht, dass es sie gibt, sondern dass sie so stabil ist. Egal ob 2015 oder 2026, ob Berlin oder München, ob jung oder alt: Die Argumente bleiben. Das hat weniger mit fehlenden Informationen zu tun als mit etwas anderem.

Ernährung ist Gewohnheit, Identität und sozialer Kitt zugleich. Wer sie hinterfragt, hinterfragt damit oft mehr als nur das Essen: jahrzehntelange Routinen, Familienrituale, das eigene Selbstbild. Da greift das Gehirn gern zu dem, was es kennt, nämlich zu Gegenargumenten, die das Bestehende schützen. Warum das Thema bei vielen Menschen so wenig Neugier auslöst, habe ich unter Warum interessiert Ernährung eigentlich niemanden? genauer betrachtet.

Das heißt nicht, dass hinter diesen Sätzen keine echten Fragen stecken. Viele tun das: über Gesundheit, über Nachhaltigkeit, über Machbarkeit im Alltag. Genau diesen Fragen gehen wir auf pflanzenfresser.de nach, sachlich und ohne Zeigefinger.

Was steckt hinter den einzelnen Punkten?

Einige der zehn Punkte lassen sich mit ein bisschen Recherche schnell einordnen. Andere sind hartnäckiger, weil sie weniger mit Fakten als mit Gefühlen zu tun haben, und Gefühle lassen sich nicht mit einer Studie wegargumentieren.

Käse (Punkt 3) ist kein sachliches Problem, sondern ein emotionales. Wer sagt, er könne wegen Käse nicht vegan werden, hat meist noch nie erlebt, wie sich der Geschmack nach einigen Wochen verändert. Das ist keine Schwäche, das ist Biologie.

Die Sorge um Protein und Eisen (Punkt 5) ist dagegen oft aufrichtig, aber gut zu beantworten: Eine abwechslungsreiche pflanzliche Ernährung deckt die meisten Nährstoffe problemlos ab. Die eine Ausnahme, die wirklich zählt: Vitamin B12 muss supplementiert werden. Das ist kein Geheimnis und kein Drama, es steht auf jeder seriösen Ernährungsseite.

Soja und Avocados (Punkte 8 und 9) berühren echte ökologische Fragen. Der oft übersehene Kontext: Der Großteil des weltweiten Sojaanbaus geht als Tierfutter in die Fleischproduktion, nicht in Sojamilch oder Tofu. Die Spur führt also genau dorthin zurück, wo man das Argument loswerden wollte. Weitere Klassiker dieser Art nimmt der Artikel über vegane Mythen und Fakten auseinander.

Und Punkt 10, die Tofu-Wurst als Sprachskandal, ist vermutlich am ehesten Unterhaltung. Gut gemeinte Empörung, die niemandem wehtut.

Was fängst du mit dieser Liste an?

Wer sich durch die zehn Punkte liest und merkt, dass der ein oder andere Satz vertraut klingt: Das ist kein Zufall und kein Grund für schlechtes Gewissen. Ich habe einige davon früher selbst gesagt, Punkt 3 inklusive. Es ist der erste Schritt.

Übrigens: „Manfred mi Amor" erscheint im Oktober 2026 im PMLakeman-Verlag.