Gero Wenderholm · · Einstieg & Alltag

Was ist, wenn ich als Veganer mal eine Ausnahme mache?

Veganer im Restaurant

Kurze Antwort: Nein — aus ethischer Überzeugung nicht. Das Tier, das für das Essen gelitten hat, macht keinen Unterschied zwischen einem Geburtstagskuchen und einem normalen Dienstag. Ich sage das nicht um jemandem schlechtes Gewissen zu machen, sondern weil Ehrlichkeit mir lieber ist als eine bequeme Antwort.

Ich werde gefragt, ob ich hin und wieder eine Ausnahme mache. Die ehrliche Antwort: nein, nicht bewusst. Und ich glaube nicht, dass ich das sollte — zumindest nicht, wenn Veganismus eine ethische Entscheidung ist und nicht nur eine Diät.

Das klingt strenger als ich es meine. Ich verurteile niemanden für seine Entscheidungen. Aber wenn jemand mich fragt, was ich persönlich denke, dann sage ich es.

Das Argument, das ich nicht überzeugend finde

Es gibt das populäre Bild: „Hundert Menschen, die zu 90 Prozent vegan sind, richten mehr aus als zehn, die es zu 100 Prozent durchhalten.“ Mathematisch mag das stimmen. Aber es beantwortet nicht die eigentliche Frage: Was ist der Grund, warum jemand vegan lebt?

Wenn der Grund lautet „ich will weniger Tierleid“ oder „ich halte Ausbeutung von Tieren für falsch“, dann gibt es keine Situation, in der das plötzlich nicht mehr gilt. Die Ausnahme ändert nichts an der Überzeugung, sie widerspricht ihr. Das ist keine Strenge — das ist Konsequenz.

Wo der Unterschied liegt — für mich persönlich

Es gibt einen Unterschied zwischen „ich esse dieses Gericht, weil es die einzige Option ist und ich keine andere Wahl habe“ und „ich mache heute eine Ausnahme, weil es praktischer ist“. Das erste kann in bestimmten Situationen vorkommen — unterwegs, in fremden Ländern, in sozialen Kontexten, wo man schlicht keinen Einfluss hat. Das zweite ist eine Entscheidung, die man mit sich selbst klären muss.

Ich sage das, weil ich mir diese Klärung selbst vorgenommen habe. Nicht weil jemand sie von mir verlangt hätte. Weil mir die Frage wichtig ist.

Was ich nicht tue

Ich sage anderen nicht, was sie essen sollen. Ich mache keine Szene am Esstisch. Ich gebe keine Kommentare ab zu dem, was jemand anderes bestellt. Das sind seine Entscheidungen, nicht meine.

Aber wenn jemand mich fragt, ob Ausnahmen „in Ordnung sind“ — dann ist die ehrliche Antwort, die meine Überzeugung widerspiegelt: aus ethischer Sicht nein. Und ich finde, es wäre unaufrichtig, etwas anderes zu sagen, nur damit die Antwort angenehmer klingt.

Falls du am Anfang stehst und weißt, dass du nicht immer perfekt sein wirst: Das ist kein Grund, gar nicht erst anzufangen. Die Richtung zählt. Aber ich halte es für sinnvoller, ehrlich mit sich selbst zu sein, als Ausnahmen von vornherein zu normalisieren.