Ich werde regelmäßig gefragt, ob ich hin und wieder eine Ausnahme mache. Die ehrliche Antwort: nein, nicht bewusst. Und ich glaube nicht, dass ich das sollte. Zumindest nicht, wenn Veganismus eine ethische Entscheidung ist und nicht nur eine Diät.
Das klingt strenger, als ich es meine. Ich verurteile niemanden für seine Entscheidungen. Aber wenn jemand mich fragt, was ich persönlich denke, dann sage ich es.
Warum überzeugt mich das 90-Prozent-Argument nicht?
Es gibt das populäre Bild: "Hundert Menschen, die zu 90 Prozent vegan sind, richten mehr aus als zehn, die es zu 100 Prozent durchhalten." Mathematisch mag das stimmen. Aber es beantwortet nicht die eigentliche Frage: Was ist der Grund, warum jemand vegan lebt?
Wenn der Grund lautet "ich will weniger Tierleid" oder "ich halte die Ausbeutung von Tieren für falsch", dann gibt es keine Situation, in der das plötzlich nicht mehr gilt. Die Ausnahme ändert nichts an der Überzeugung, sie widerspricht ihr. Das ist keine Strenge, das ist Konsequenz.
Wo liegt der Unterschied zwischen Ausnahme und Notlage?
Es gibt einen Unterschied zwischen "ich esse dieses Gericht, weil es die einzige Option ist und ich keine andere Wahl habe" und "ich mache heute eine Ausnahme, weil es praktischer ist". Das erste kann in bestimmten Situationen vorkommen: unterwegs, in fremden Ländern, in sozialen Kontexten, in denen man schlicht keinen Einfluss hat. Wie selten solche Situationen mit etwas Vorbereitung werden, habe ich unter anderem auf Reisen gelernt. Das zweite ist eine Entscheidung, die man mit sich selbst klären muss.
Ich sage das, weil ich mir diese Klärung selbst vorgenommen habe. Nicht weil jemand sie von mir verlangt hätte, sondern weil mir die Frage wichtig ist.
Was ich bei anderen nicht tue
Ich sage anderen nicht, was sie essen sollen. Ich mache keine Szene am Esstisch, auch nicht zuhause, wo meine Frau und meine Kinder nicht vegan essen. Ich kommentiere nicht, was jemand anderes bestellt, wenn wir essen gehen. Das sind seine Entscheidungen, nicht meine.
Aber wenn jemand mich fragt, ob Ausnahmen "in Ordnung" sind, dann ist die ehrliche Antwort, die meine Überzeugung widerspiegelt: aus ethischer Sicht nein. Und ich finde, es wäre unaufrichtig, etwas anderes zu sagen, nur damit die Antwort angenehmer klingt. Warum ich mich für solche Antworten trotzdem nicht rechtfertigen muss, ist übrigens eine eigene Frage.
Was heißt das für deinen Einstieg?
Nichts Entmutigendes, im Gegenteil. Konsequenz ist etwas, in das man hineinwächst. Bei mir hat es nach dem Portugal-Urlaub, mit dem alles anfing, auch eine Weile gedauert, bis aus dem Vorsatz eine Selbstverständlichkeit wurde. Am Anfang musste ich nachdenken, nachfragen, planen. Heute denke ich über das Thema Ausnahmen schlicht nicht mehr nach, weil sich die Frage im Alltag nicht mehr stellt.
Die Frage nach Ausnahmen stellt sich nämlich umso seltener, je besser man weiß, was man alles essen kann und wie man Alltagssituationen vorbereitet. Die meisten "Ausnahmesituationen" sind in Wahrheit Vorbereitungslücken: kein Snack in der Tasche, nicht auf die Karte geschaut, dem Gastgeber nichts gesagt. Alles lösbar, und mit jeder gelösten Situation wird die nächste leichter.