Ich habe eine Weile gebraucht, um mit veganen Ersatzprodukten ins Reine zu kommen. Der Weg ging grob durch drei Phasen: Begeisterung ("es gibt vegane Nuggets!"), Ernüchterung ("warum schmeckt das wie gesalzenes Styropor?") und schließlich eine pragmatische Haltung, mit der ich gut lebe.
Was verspricht das Marketing und was stimmt davon?
Beyond Meat, Oatly, Violife: große Namen, große Marketingbudgets. Das Versprechen lautet gleicher Genuss, weniger Leid, besser für die Umwelt. Das stimmt im Vergleich zum tierischen Äquivalent meistens. Was das Marketing weniger betont: Der Vergleich mit einem Teller Linsen und Gemüse geht dabei verloren.
Was steht auf der Zutatenliste?
Nimm einen beliebigen veganen Burger-Patty und lies die Zutatenliste. Du wirst finden: Erbsenprotein-Isolat, Sonnenblumenöl, Methylcellulose, modifizierte Stärke, natürliche Aromen, Farbstoffe. Das ist ein hochverarbeitetes Lebensmittel. Nicht grundsätzlich schlecht, aber auch kein Naturprodukt. Zum Vergleich: Ein selbst gemachter Burger aus schwarzen Bohnen, Hafer und Gewürzen hat eine Zutatenliste, die ich an einer Hand abzählen kann.
Das Bewertungssystem NOVA klassifiziert stark verarbeitete Lebensmittel unabhängig vom Rohstoff als ungünstig. Viele vegane Ersatzprodukte landen in dieser Kategorie. Viele tierische übrigens auch, die Salami war nie ein Naturprodukt.
Dazu kommt der Salzgehalt: Fleisch- und Käsealternativen gehören in Produkttests regelmäßig zu den salzigsten Lebensmitteln im Kühlregal, oft mit über zwei Gramm Salz pro 100 Gramm. Auch der Fettanteil vieler Käsealternativen auf Kokosbasis ist beachtlich. Wer solche Produkte täglich isst, holt sich genau die Probleme ins Haus, die er mit dem Weglassen von Wurst und Käse vermeiden wollte.
Wann sind Ersatzprodukte sinnvoll?
Als Übergangshelfer: In den ersten Wochen sind Ersatzprodukte psychologisch wertvoll. Wenn der Körper gewohnte Texturen vermisst, hilft ein veganes Schnitzel dabei, nicht aus der Bahn zu geraten. Das ist legitim.
Als Convenience-Lösung: An Tagen, an denen Kochen keine Option ist. Lieber ein veganer Aufschnitt auf dem Brot als drei Stunden später eine Pizzaschachtel.
Als Genussmittel: Weil gutes Essen auch Genuss sein darf. Ein gut gemachter veganer Käse auf einer guten Pasta ist kein Versagen, sondern eine Mahlzeit. Welche Alternativen wirklich schmecken, steht im Guide zu veganem Käse.
Wann gehören sie nicht auf den Teller?
Als Kernstück der täglichen Ernährung. Wer morgens veganen Joghurt, mittags Soja-Bolognese und abends vegane Wurst isst, ernährt sich vegan, aber nicht besonders gut. Eine 2023 im British Medical Journal erschienene Studie fand, dass hoher Konsum ultra-verarbeiteter Lebensmittel, vegan oder nicht, mit erhöhten Risiken für Herzerkrankungen und Diabetes assoziiert ist.
Die bessere Basis sind unverarbeitete Grundzutaten. Wie man daraus ohne großen Aufwand einen Wochenplan baut, zeigt der vegane Einkaufsguide. Und wer Tofu bisher fad fand, hat ihn vermutlich nur noch nicht richtig zubereitet.
Wie halte ich es persönlich?
Ich kaufe Haferdrink, weil er funktioniert, die Unterschiede zwischen den Sorten stehen im Pflanzenmilch-Vergleich. Ich kaufe manchmal veganen Käse, weil er auf einer Pizza besser aussieht als kein Käse. Ich kaufe keine vegane Bratwurst, weil Bratwurst nie mein Ding war und ich nicht verstehe, warum das jetzt anders sein sollte.
Meine Ersatzprodukt-Quote ist über die Jahre von selbst gesunken. Nicht aus Disziplin, sondern weil Linsen-Bolognese, Ofengemüse und gebratener Tofu irgendwann schneller gingen und besser schmeckten als die Packung aus dem Kühlregal. Das ist vielleicht die ehrlichste Antwort auf die Frage: Ersatzprodukte sind eine Brücke, und gute Brücken macht man sich mit der Zeit überflüssig.