Ich habe lange gebraucht, um damit aufzuhören, mich über Vorurteile zu ärgern. Irgendwann habe ich angefangen, sie interessant zu finden. Das ist kein spiritueller Fortschritt, das ist Selbstschutz. Aber es hat geholfen.

Warum gibt es überhaupt Vorurteile?

Jede Gruppe, die vom sozialen Standard abweicht, bekommt Vorurteile. Vegetarier bekamen sie früher, Veganer bekommen sie heute, wer weiß, welche Ernährungsform morgen dran ist. Das ist kein Zufall: Vorurteile sind ein sozialer Mechanismus, der Abweichung markiert und damit den Standard bestätigt.

Was bei Veganern dazukommt: Essen ist emotional aufgeladen wie kaum etwas anderes. Es ist Kindheitserinnerung, Familientradition, kulturelle Identität. Wenn jemand sagt "ich esse das nicht mehr", fühlt sich das für manche so an, als würde er das eigene Essen kommentieren, und damit das eigene Leben. Das löst Abwehr aus, auch wenn es gar nicht so gemeint ist. Warum am Tisch trotzdem immer der Veganer in Erklärungsnot gerät und nicht der Schnitzel-Esser, habe ich in einem eigenen Text über den Rechtfertigungsdruck aufgeschrieben.

Was steckt hinter den häufigsten Vorurteilen?

"Veganer sind Missionare." Stimmt für einen Teil. Stimmt nicht für die meisten. Das Problem ist, dass der lauteste Teil überrepräsentiert wahrgenommen wird. Ich kenne weit mehr Veganer, die einfach ihr Essen essen, als solche, die anderen damit auf die Nerven gehen. Aber der stille Veganer fällt nicht auf, der laute schon.

"Veganer sind blass, schwach und dauernd krank." Das Gegenteil ist gut belegt: Studien zeigen, dass Veganer im Schnitt einen niedrigeren BMI, bessere Blutfettwerte und ein geringeres Risiko für Herzerkrankungen haben. Lewis Hamilton, Novak Djokovic, Patrik Baboumian: kein Argument für jeden, aber das Bild vom bleichen Veganer hat mit der Realität wenig zu tun. Mehr solcher Klischees nehme ich im Artikel über vegane Mythen und Fakten auseinander.

"Das ist doch nur ein Trend." Möglicherweise. Aber selbst wenn: Ein Trend, der dazu führt, dass mehr Menschen weniger Tierleid verursachen und ihren CO2-Abdruck reduzieren, ist kein schlechter Trend.

"Menschen essen seit Jahrtausenden Fleisch." Stimmt. Menschen lebten auch Jahrtausende ohne Antibiotika, Anästhesie und sauberes Trinkwasser. Das Alter einer Praxis ist kein Argument für ihre Beibehaltung.

Warum ist die interessantere Frage eine andere?

Was mich persönlich am meisten beschäftigt, ist nicht der offene Spott, sondern das stille Desinteresse. Die Haltung "ist doch alles egal, irgendwie muss man ja leben", die ich selbst jahrelang hatte. Die interessanteste Frage ist nicht, warum Menschen Veganer anfeinden, sondern warum so viele Menschen lieber nicht genau wissen wollen, woher ihr Essen kommt.

Das ist keine Schwäche und kein böser Wille. Es ist kognitive Dissonanz: Wir mögen Tiere und essen sie, und um damit zu leben, braucht man eine gewisse Unschärfe. Ich habe das selbst jahrelang so gemacht, bis ein Urlaub in Portugal die Unschärfe aufgelöst hat. Vorwürfe helfen bei diesem Thema nicht. Neugier schon eher.

Was hilft im Alltag?

Aufzuhören, Vorurteile persönlich zu nehmen. Die meisten sagen mehr über die Person aus, die sie äußert, als über mich. Das klingt wie ein Therapeuten-Satz, stimmt aber. Und es verändert die Gespräche: Wer nicht in Verteidigungshaltung geht, nimmt der Situation die Spannung. Aus manchem Spruch am Tisch ist bei mir so schon ein ernsthaftes, gutes Gespräch geworden.