Das ist eine der Fragen, bei denen die vegane Community uneins ist. Ich erkläre dir meine Sichtweise, ohne dir vorschreiben zu wollen, was du daraus machst.

Warum gilt Honig nicht als vegan?

Nach der Definition der Vegan Society aus dem Jahr 1944 vermeidet Veganismus "soweit möglich und praktisch durchführbar alle Formen der Ausbeutung von und Grausamkeit gegenüber Tieren". Nach dieser Definition sind Honig und Bienenwachs nicht vegan, weil sie von Tieren stammen und ihre Gewinnung in die Bienenhaltung eingreift, was den Bienen schaden kann.

Wie problematisch ist konventionelle Imkerei wirklich?

Bienen sind Lebewesen mit eigenem Nervensystem und nachgewiesener Schmerzwahrnehmung. Konventionelle Imkerei bedeutet: Königinnen werden künstlich begattet, Bienen werden getötet, wenn es wirtschaftlich sinnvoll ist, Flügel werden gestutzt, und der Honig, den die Bienen als Wintervorrat produzieren, wird entnommen und durch Zuckersirup ersetzt. Das ist der Standard, auch bei deutschen Bio-Anbietern.

Kleine, bienengerechte Imkerei funktioniert anders. Es gibt Imker, die ohne solche Eingriffe arbeiten, ihre Völker überwintern lassen und nur den Überschuss nehmen. Ob das "vegan genug" ist, ist eine Frage, die jeder für sich beantworten muss. Sie gehört in dieselbe Kategorie wie die Frage, wie du mit Ausnahmen umgehst: Es gibt eine klare Definition und einen persönlichen Umgang damit, und beides darf sich unterscheiden.

Wo steckt Bienenwachs überall drin?

Bienenwachs trägt die Zusatzstoffnummer E901 und steckt in mehr Produkten, als man denkt: in Bonbons und Kaugummi als Überzugsmittel, auf gewachstem Obst, in Backformen-Trennmitteln und in vielen Lippenpflegeprodukten und Kosmetika. Nach strenger veganer Definition ist es nicht vegan.

Viele Menschen, die sich sonst konsequent vegan ernähren, machen bei Bienenwachs Ausnahmen, weil es in minimalen Mengen vorkommt oder weil sie die Bienenhaltung für weniger problematisch halten als andere Tierhaltungsformen. Wer es genau nimmt, orientiert sich an veganen Labels und Siegeln: Produkte mit der Veganblume oder dem V-Label enthalten kein Bienenwachs.

Welche Alternativen gibt es?

Für Honig: Agavendicksaft, Ahornsirup, Dattelsirup und Reissirup decken alles ab, vom Süßen im Tee bis zum Backen. Wer den typischen Honiggeschmack sucht, probiert Löwenzahnsirup, der wie Honig eingekocht wird und ihm erstaunlich nahe kommt. Für Bienenwachs in Kosmetik: Candelillawachs und Carnaubawachs sind pflanzliche Alternativen, die inzwischen in vielen Naturkosmetik-Produkten stecken. Preislich nehmen sich die Alternativen wenig, Agavendicksaft kostet ungefähr so viel wie mittlerer Supermarkt-Honig. Beim Einkauf hilft der Blick auf die Zutatenliste, mehr dazu im veganen Einkaufsguide.

Wie handhabe ich das persönlich?

Ich kaufe keinen Honig. Nicht aus religiösem Eifer, sondern weil es für mich keinen Grund gibt, ihn zu kaufen. Agavendicksaft, Ahornsirup und Dattelsirup erfüllen denselben Zweck, und ich vermisse Honig nicht. Bei Bienenwachs in Kosmetik schaue ich auf die Zutatenliste und weiche aus, wenn es geht.

Was ich nicht mache: anderen erklären, dass ihre Entscheidung falsch ist. Wer lokalen Imkerhonig kauft und damit einen Betrieb unterstützt, der Bienen artgerecht hält, trifft eine andere Abwägung als ich, aber keine unverantwortliche.