"Und woher bekommst du dein Protein?" Wenn ich für jede dieser Fragen einen Euro bekommen hätte, könnte ich meinen Tempeh-Vorrat für Jahre finanzieren. Die Frage ist trotzdem berechtigt, ich hatte sie vor meiner Umstellung selbst. Als Marathonläufer wollte ich genau wissen, ob ich mich mit Pflanzen ausreichend versorgen kann.
Kann ich. Und zwar ohne Taschenrechner und ohne Pulverdosen in der Küche. Was es dafür braucht, ist ein Überblick, welche Lebensmittel wie viel liefern. Genau den bekommst du hier: die große Tabelle, dazu das Wichtigste zu Aminosäuren und ein konkreter Beispieltag. Wie viel Protein du überhaupt brauchst und welche Mythen du getrost vergessen kannst, steht ausführlich im Artikel Protein vegan abdecken. Dieser hier ist die Quellen-Liste dazu.
Welche veganen Lebensmittel liefern wie viel Protein?
Hier die wichtigsten Proteinquellen mit gerundeten Durchschnittswerten. Beachte den Unterschied zwischen gekocht und trocken: 100 g gekochte Linsen sind viel weniger Trockenmasse als 100 g rohe.
| Lebensmittel | Protein pro 100 g | Anmerkung |
|---|---|---|
| Erbsenproteinpulver | ca. 80 g | Isolat, nur als gezielte Ergänzung |
| Seitan | ca. 25 g | Weizeneiweiß, nichts bei Zöliakie |
| Erdnüsse | ca. 25 g | Auch als Erdnussmus, kaloriendicht |
| Mandeln | ca. 21 g | Plus Calcium und Vitamin E |
| Tempeh | ca. 19 g | Fermentiertes Soja, mein Favorit |
| Quinoa (trocken) | ca. 14 g | Gekocht noch ca. 4 bis 5 g |
| Haferflocken | ca. 13 g | Unterschätzter Alltagsheld |
| Tofu (natur, fest) | 12 bis 16 g | Je fester, desto mehr Protein |
| Linsen (gekocht) | ca. 9 g | Günstig, eisenreich |
| Schwarze Bohnen (gekocht) | ca. 9 g | Plus viele Ballaststoffe |
| Kichererbsen (gekocht) | ca. 8 g | Basis für Hummus und Currys |
| Sojajoghurt (natur) | ca. 4 g | Vergleichbar mit Kuhmilchjoghurt |
Zwei Dinge fallen auf. Erstens: Die Spitzenwerte von Nüssen relativieren sich im Alltag, weil niemand 100 g Mandeln pro Mahlzeit isst. Realistisch sind 30 g, also rund 6 g Protein. Zweitens: Die unauffälligen Hülsenfrüchte sind pro Euro die mit Abstand beste Proteinquelle. Eine Dose Kichererbsen kostet unter einem Euro und liefert rund 19 g Protein. Zum Vergleich: Für dieselbe Proteinmenge aus veganem Fleischersatz zahlst du oft das Drei- bis Fünffache. Wer also gleichzeitig aufs Budget und auf die Nährstoffe schaut, landet fast zwangsläufig bei getrockneten Linsen, Bohnen im Glas und Tofu im Mehrfachpack.
Ein Wort noch zur Verwertbarkeit, weil das Argument oft kommt: Ja, pflanzliches Protein wird vom Körper etwas schlechter aufgenommen als tierisches, unter anderem wegen der Ballaststoffe drumherum. Der Unterschied ist aber klein genug, um ihn mit einer simplen Maßnahme auszugleichen: etwas großzügigere Portionen. Wer wie in der Tabelle oben isst, hat diesen Puffer automatisch eingebaut. Kochen, Einweichen und Fermentieren verbessern die Verwertbarkeit zusätzlich, weshalb Tempeh und gut gegarte Hülsenfrüchte besser abschneiden als ihr Ruf.
Was hat es mit Aminosäuren und dem Kombinieren auf sich?
Protein besteht aus Aminosäuren, neun davon sind essenziell, der Körper kann sie nicht selbst herstellen. Der alte Ratschlag lautete, pflanzliche Proteine müssten in jeder Mahlzeit gezielt kombiniert werden (Reis plus Bohnen), um "vollständig" zu sein. Das gilt als überholt: Der Körper hält einen Aminosäurenpool vor, entscheidend ist die Vielfalt über den Tag, nicht die perfekte Einzelmahlzeit.
Einen Punkt nehme ich trotzdem ernst: Lysin. Diese Aminosäure ist in Getreide knapp, in Hülsenfrüchten reichlich vorhanden. Wer sich hauptsächlich von Brot, Nudeln und Reis ernährt, hat eher ein Lysin-Thema als ein generelles Proteinproblem. Die Lösung ist banal: täglich eine ordentliche Portion Hülsenfrüchte, Tofu, Tempeh oder Sojajoghurt. Soja ist übrigens von sich aus komplett, sein Aminosäurenprofil steht dem von tierischem Protein kaum nach.
Wie sieht ein Beispieltag mit genug Protein aus?
Damit das Ganze konkret wird, hier ein normaler Tag aus meiner Küche, ohne Proteinpulver und ohne Optimierungsdruck:
| Mahlzeit | Gericht | Protein (ca.) |
|---|---|---|
| Frühstück | Haferflocken (60 g) mit Sojadrink, Sojajoghurt und 2 EL Erdnussmus | 25 g |
| Mittag | Linsenbolognese (200 g gekochte Linsen) mit Vollkornnudeln | 30 g |
| Snack | Handvoll Mandeln, ein Apfel | 7 g |
| Abend | Gebratener Tofu (200 g) mit Reis und Brokkoli | 28 g |
| Summe | ca. 90 g |
Wenn du an einzelnen Stellen aufstocken willst, geht das mit kleinen Handgriffen: ein Löffel Erdnussmus mehr im Porridge, Sojadrink statt Haferdrink (rund 3 g mehr pro Glas), eine Handvoll Edamame in den Salat, Kichererbsen mit ins Ofengemüse. Solche Mini-Upgrades summieren sich über den Tag auf 15 bis 20 g, ohne dass sich eine Mahlzeit anders anfühlt.
Rund 90 g Protein, ganz ohne Anstrengung. Zur Einordnung: Die DGE empfiehlt für Erwachsene 0,8 g pro Kilogramm Körpergewicht, bei 80 kg also 64 g. Selbst mit dem sportlerüblichen Aufschlag auf 1,2 bis 1,6 g pro Kilogramm bin ich mit so einem Tag im Zielbereich. Was ich rund um harte Trainingswochen anders mache, steht im Artikel über vegane Ernährung und Sport.
Wann lohnt sich Proteinpulver doch?
Ich besitze eine Dose Erbsenprotein, und sie hält bei mir ewig. Sinnvoll finde ich Pulver in drei Fällen: in intensiven Trainingsphasen, wenn der Bedarf über das hinausgeht, was der Appetit hergibt; für Menschen mit sehr kleinem Magen oder wenig Zeit; und als Backzutat für proteinreiche Snacks. Für alle anderen gilt: Erst die Tabelle oben ausreizen, dann über Pulver nachdenken. Lebensmittel liefern neben Protein auch Ballaststoffe, Eisen, Zink und B-Vitamine, ein Shake liefert nur Protein.
Der Vollständigkeit halber: Achte bei Pulvern auf möglichst kurze Zutatenlisten und Schadstofftests, die Qualität schwankt erheblich. Und niemand braucht Pulver mit fünf Aromastoffen und Süßungsmitteln als tägliche Hauptproteinquelle. Wie ein kompletter ausgewogener Tag jenseits des Proteins aussieht, zeigt der Artikel über ausgewogene vegane Ernährung.