Am Anfang meiner veganen Zeit stand ich gefühlt stundenlang vor Supermarktregalen und habe Zutatenlisten studiert wie andere Leute Kreuzworträtsel. Molkenpulver im Brot, Karmin im Fruchtjoghurt, Gelatine in Säften: Man lernt schnell, dass Tierisches an Stellen steckt, wo es niemand vermutet.

Siegel sollten dieses Problem eigentlich lösen. Tun sie auch, größtenteils. Aber der Markt ist unübersichtlich: Es gibt zwei große Siegel, dazu unzählige selbstgemalte Vegan-Logos der Hersteller und den schlichten Aufdruck "vegan" ohne alles. Und rechtlich ist die Lage dünner, als die meisten denken.

Hier kommt die Sortierung, die ich mir damals gewünscht hätte.

Was steckt hinter dem V-Label?

Das V-Label ist das gelbe Siegel mit dem Pflanzen-V, das du auf sehr vielen Produkten siehst. Es gehört der European Vegetarian Union und wird in Deutschland von ProVeg lizenziert. Es gibt zwei Varianten, "vegan" und "vegetarisch", der Zusatz steht unter dem Logo. Genau hinschauen lohnt sich also.

Für die vegane Variante gilt: keine tierischen Zutaten, keine tierischen Verarbeitungshilfsstoffe, keine tierischen Trägerstoffe, und das auf allen Produktionsstufen. Die Hersteller zahlen eine Lizenzgebühr, legen ihre Rezepturen und Prozesse offen und werden kontrolliert. Das ist der entscheidende Unterschied zum bloßen Aufdruck: Hier hat ein Dritter geprüft.

Was ist die Veganblume?

Die Veganblume (Vegan Trademark) ist das ältere der beiden Siegel, vergeben von der britischen Vegan Society, also der Organisation, die den Begriff "vegan" in den 1940er Jahren überhaupt geprägt hat. Die Kriterien ähneln dem V-Label: keine tierischen Zutaten, keine tierischen Hilfsstoffe, außerdem keine Tierversuche für das Produkt im Auftrag des Herstellers.

In deutschen Supermärkten ist die Veganblume seltener als das V-Label, auf Kosmetik und internationalen Produkten siehst du sie öfter. Praktisch gilt: Beide Siegel sind vertrauenswürdig, keins ist "strenger" in einem Ausmaß, das für den Alltag eine Rolle spielt.

Was bedeutet "vegan" ohne Siegel?

Jetzt wird es interessant. Der Begriff "vegan" ist auf Lebensmitteln rechtlich nicht definiert. Die EU-Lebensmittelinformationsverordnung sieht seit 2011 vor, dass die Kommission Kriterien für "vegan" und "vegetarisch" festlegt, passiert ist das bis heute nicht. In Deutschland gibt es immerhin eine Definition der Verbraucherschutzministerkonferenz von 2016: Danach sind vegane Lebensmittel solche, bei denen auf allen Stufen keine Zutaten, Hilfsstoffe und Trägerstoffe tierischen Ursprungs eingesetzt werden. Diese Definition ist aber eine Orientierung für Behörden und Gerichte, kein Gesetz.

Heißt das, der Aufdruck ist wertlos? Nein. Wer "vegan" draufschreibt und Tierisches reinmischt, begeht Irreführung, und das ist sehr wohl verboten und abmahnfähig. Hersteller haben also ein handfestes Interesse, korrekt zu kennzeichnen. Mein pragmatischer Umgang: Bei einem "vegan"-Aufdruck eines seriösen Herstellers vertraue ich der Angabe, bei sensiblen Produktgruppen wie Wein oder Saft will ich ein Siegel sehen.

Was heißt "Kann Spuren von Milch enthalten"?

Dieser Satz verwirrt Einsteiger am meisten, deshalb ganz deutlich: Spurenhinweise sagen nichts darüber aus, ob ein Produkt vegan ist. Sie sind freiwillige Allergiker-Hinweise und bedeuten nur, dass in derselben Anlage auch milchhaltige Produkte laufen und unbeabsichtigte Kleinstmengen technisch nicht ausgeschlossen sind.

Ein Produkt kann also das V-Label tragen und trotzdem "Kann Spuren von Ei und Milch enthalten" auf der Packung stehen haben. Beides zusammen ist kein Widerspruch: Die Rezeptur ist rein pflanzlich, die Produktionsumgebung geteilt. Für Veganer ist das aus meiner Sicht kein Problem, es geht ja nicht um Reinheitsrituale, sondern darum, keine Tierprodukte nachzufragen. Für Allergiker ist der Hinweis dagegen wichtig, das ist seine eigentliche Funktion.

Eine ähnliche Grauzone mit Augenmaß gibt es übrigens bei Zusatzstoffen wie Bienenwachs, dazu habe ich in der Frage sind Wachs und Honig vegan mehr geschrieben.

Was ist rechtlich geregelt und was nicht?

Die Kurzübersicht für den Überblick:

Kennzeichnung Wer steckt dahinter Verbindlichkeit
V-Label (vegan) European Vegetarian Union, in DE ProVeg Privates Siegel mit Lizenzvertrag und Kontrollen
Veganblume Vegan Society (UK) Privates Siegel mit Lizenzvertrag
Aufdruck "vegan" Hersteller selbst Nicht gesetzlich definiert, aber Irreführungsverbot greift
Hersteller-eigene Vegan-Logos Hersteller selbst Wie Aufdruck, nur hübscher verpackt
Spurenhinweis Hersteller selbst, freiwillig Allergiker-Info, keine Aussage zum veganen Status
Zutatenliste Gesetzlich vorgeschrieben Verbindlich, aber ohne Hilfsstoffe

Wie gehst du beim Einkauf konkret vor?

Mein Dreisprung nach ein paar Jahren Übung: Erstens auf V-Label oder Veganblume schauen, das erledigt 80 Prozent der Fälle in einer Sekunde. Zweitens beim "vegan"-Aufdruck ohne Siegel kurz die Zutatenliste querlesen, Allergene sind fett gedruckt und tierische Zutaten damit schnell sichtbar. Drittens bei Wein, Saft und Co. gezielt zu gekennzeichneten Produkten greifen oder eine der Barcode-Scanner-Apps nutzen.

Mit etwas Routine brauchst du die Siegel immer seltener, weil du deine Standardprodukte kennst. Welche Basics sich als Grundausstattung bewährt haben, steht im veganen Einkaufsguide, und was du grundsätzlich alles essen kannst, beantworte ich in der Frage was kann ich noch essen.